Juli 25

Was sind eigentlich Morgenseiten?

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Sobald du dich intensiver mit Themen rund um Schreiben, Persönlichkeitsentwicklung (ich mag dieses Worte eigentlich nicht) oder Journaling beschäftigst, wirst du früher oder später auf einen Begriff stoßen: Morgenseiten.

Nein, es handelt sich dabei nicht um die Frühausgabe deiner überregionalen Zeitung, sondern um eine Tagebuchtechnik. Was genau Morgenseiten sind, woher die Idee kommt und wie man sie schreibt, darüber erfährst du hier mehr.

Sommer 2019

Der Wecker klingelt, es ist 5:30 Uhr. Ich rolle mich schlaftrunken aus dem Bett und tapse noch etwas orientierungslos durch die Wohnung. Die Sonne geht gerade auf, der Tag ist früher wach als ich. Ich stelle den Wasserkocher an und gieße mir einen Tee auf zum Wachwerden. Mit der Teetasse in der Hand schlendere ich zum großen Fenster und blicke hinaus. Ich beneide den Morgen ein wenig um seine Frische. Das Haus ist still und auf der Straße biegt gerade ein müder Hundebesitzer langsam mit seinem Vierbeiner um die Ecke. Ich setze mich in meinen Schreibsessel, stelle die Teetasse auf den Beistelltisch, nehme mein Tagebuch zur Hand und den Stift, der so mühelos übers Papier gleitet. Dann schreibe ich. Eine Seite, zwei, manchmal drei. Ich sitze da, schreibe, und lasse die Gedanken einfach so aufs Papier fließen, ohne Thema, ohne Ziel. Morgenseiten.

Wie schreibt man Morgenseiten?

Morgenseiten haben eine Erfinderin, und die heißt Julia Cameron. In ihrem Buch „The Artist’s Way“ (auf Deutsch heißt der Titel „Der Weg des Künstlers“) beschreibt sie diese Technik und macht sie zum Herzstück ihrer Methodik.

Das Prinzip ist ganz einfach: Man schreibt von Hand alle Gedanken auf, die einem gerade durch den Kopf geistern und das über drei Seiten im Notiz- oder Tagebuch. Das Ganze morgens, bevor man den Tag beginnt – daher der Name. Drei Seiten Gedankenstrom von Hand aufschreiben. Das sind die klassischen Morgenseiten.

Man denkt nicht gezielt über etwas nach, man reflektiert auch nicht, es geht nur um den Akt des Aufschreibens, „damit man auf der anderen Seite ankommt“, wie sie selbst sagt.

Das ist weder Kunst, noch Schriftstellerei oder wirkliches Schreiben, sondern einfach ein „brain drain“, also das Ausschütten der Gedanken aufs Papier.

Wenn du jetzt einwendest: „Aber ich denke morgens noch gar nichts, was soll ich denn schreiben?“ Manchmal hängen morgens noch ein paar Traumfetzen im Kopf, manchmal schaut man schon mit Erwartungen oder Plänen auf den Tag. Und manchmal entstehen solche „sprachlichen Meisterwerke“ wie: „Ich bin noch so müde und möchte eigentlich nur weiterschlafen. Mir ist ein bisschen kalt … und ich weiß gar nicht, worüber ich nachdenke …“
Der Inhalt deiner Morgenseiten spielt keine Rolle. Es geht wirklich nur ums Schreiben.

Motivationsbild fürs Schreiben von Morgenseiten

Meine Erfahrungen mit dem Schreiben von Morgenseiten

Ich probiere gern die unterschiedlichsten Ideen und Schreibtechniken aus. Im Sommer 2019 habe ich mich an Julia Camerons Konzept gewagt – der Sommer ist übrigens eine sehr schöne Zeit für Morgenseiten. Es ist dann schon hell und das frühere Aufstehen fällt mir jedenfalls deutlich leichter als im Winter.

Für diese persönliche Schreibchallenge habe ich mir den Wecker 20 Minuten früher gestellt als normalerweise und einige Wochen lang habe ich das tatsächlich tapfer durchgezogen.

An manchen Tagen habe ich es geliebt, Morgenseiten zu schreiben, an manchen Tagen war ich davon genervt und hätte lieber noch eine halbe Stunde geschlafen. Oft war es einfach irgendwas dazwischen.

Was bringt es? Die Vorteile der Morgenseiten.

Morgens Zeit freizuschaufeln, um 15-20 Minuten scheinbar planlos zu schreiben und dafür früher aufzustehen, ist eine ziemlich hohe Hürde, die man nehmen muss. Und die Frage „Bringt das was?“ ist durchaus berechtig.

Ja, diese Schreibtechnik hat echte Vorzüge. Am besten betrachtet man sie als mentales Durchfeudeln. Du gehst einmal mit dem Besen durch den Kopf und räumst kurz auf, bevor du in den Tag startest. Und das fühlt sich erstaunlich befriedigend an.

  • Morgenseiten verleihen deinem Tagesstart eine Struktur und können dir dabei helfen, den ganzen Tag bewusster zu leben.
  • Wenn du sie eine zeitlang regelmäßig schreibst, treten oft Themen zu Tage, die dich unterbewusst beschäftigen. Das ist eine sehr hilfreiche Angelegenheit, denn du kannst dich erst dann mit etwas auseinandersetzen, wenn es auf deinem Radar auftaucht.
  • Sie können dir dabei helfen, Zugang zu deiner eigenen Kreativität zu finden.
  • Das für mich gewichtigste Argument: Du lernst durch sie, den inneren Kritiker stummzuschalten und wirklich das aufzuschreiben, was dir gerade durch den Kopf geht. Wie seltsam, banal oder irrelevant das auch scheinen mag.

Anfangs habe ich keinen großen Effekt gemerkt. Manchmal hat das Schreiben dafür gesorgt, dass ich gedanklich frischer und sortierter in den Tag gestartet bin. Mittel- und Langfristig haben die Morgenseiten bei mir jedoch eine Schreibreise angestoßen, die für mich sehr wertvoll geworden ist.

Die Nachteile

Was ich am Originalkonzept nicht mochte, war die strikte Anweisung, unbedingt drei Seiten zu schreiben. Nenn mich rebellisch, aber ich habe mir die Freiheit genommen, weniger zu schreiben, wenn ich „fertig“ war. Ich kann mich zum Beispiel besser mit einem zeitlichen Rahmen anfreunden und schreibe lieber 10 Minuten oder 15 Minuten durch, als mich an einen bestimmten Umfang zu halten.

Es hat mich nach einer Weile gelangweilt. Ich mag auch beim Schreiben Abwechslung und habe gemerkt, dass ich mich immer mehr überwinden musste, um das durchzuziehen.

Ich bin ein Morgenmensche und schreibe gern morgens. Wenn dein Biorhythmus aber erst Abends auf Touren kommt, sind Morgenseiten sicherlich nicht dein Mittel der Wahl.

Was habe ich mitgenommen?

Heute schreibe ich nur noch selten klassische Morgenseiten. Aber trotzdem bin ich froh, diesen Ansatz für eine längere Zeit ausprobiert zu haben.

Ich habe nämlich festgestellt, dass es mir grundsätzlich sehr guttut, morgens zu schreiben. Heute wähle ich dafür jedoch meistens andere Formen. Zum Beispiel mein eigenes Tagebuchkonzept.

Was ich durchaus häufiger mache, ist das „stream of consciousness“-Schreiben, also das völlig ungefilterte Aufschreiben des eigenen Gedankenstroms. Das kann man nicht nur morgens machen, sondern ich persönlich finde es immer dann hilfreich, wenn es im Kopf mal wieder zu laut wird und man seine Gedanken sortieren möchte.

Auf diese Weise kann man sich übrigens auch an Themen, Probleme oder Ideen heranschreiben und ein wildes Brainstorming mit seinem eigenen Kopf veranstalten. Wenn du gelegentlich unter Schreibblockaden oder Angst vorm leeren Blatt leidest, dann kann dir das zu einem Anfang verhelfen.

Hast du schon mal Morgenseiten geschrieben? Dann erzähl doch in den Kommentaren von deinen Erfahrungen damit.


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