Wie man sich selbst besser kennenlernt
Wäre es nicht praktisch, wenn es ein Handbuch gäbe, in dem man alle Fragen nachschlagen könnte, die man über sich selbst hat? Zu jedem elektrischen Küchengerät gibt es eine 56-seitige Betriebsanleitung – die Betriebsanleitung für sich selbst muss sich leider jeder durch Versuch und Irrtum selbst erarbeiten.

Die Grundlagen hat man ziemlich schnell raus, die sind einfach. Essen, Schlaf, Beziehungen, Sicherheit. Kennt man vielleicht von der Maslowschen Bedürfnispyramide.
Aber die Details … Warum tickt man, wie man tickt? Wieso läuft man gedanklich so oft im Kreis herum? Warum tun einem manche Dinge nicht gut, obwohl die besten Absichten dahintersteckten? Was gibt einem Energie? Und was raubt sie?
„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, sagt ein Sprichtwort. Aber auch wenn man gar keine großen Verbesserungsmaßnahmen plant, macht es viel aus, ob man sich selbst gut kennt und versteht oder nicht.
Wie lernt man sich denn selbst besser kennen? Der Frage gehen wir doch mal kurz nach.
Zu nah dran
Du kennst das: Wenn du mit der Nasenspitze das Bild an der Wand berühren kannst, kannst du es nicht mehr gut sehen. Um etwas wirklich betrachten und erkennen zu können, braucht man einen gewissen Abstand. Das ist ein Problem, wenn man sich selbst betrachten möchte – schließlich ist man ja man selbst. Man ist tatsächlich zu nah dran.
Wie kommt man aus dieser Zwickmühle raus? Schreibend. Journal Writing, ein Tagebuch oder persönliches Schreiben ist ein Weg, der dir immer offensteht, wenn du dich selbst besser kennenlernen möchtest.
Viele schreiben, um Erinnerungen einzufangen oder um Dankbarkeit einzuüben, und das sind beides großartige Anlässe, um zum Stift zu greifen. Man kann aber auch gezielt schreiben, um zu reflektieren.
Sobald du deine Gedanken vom Kopf aufs Papier bringst (oder aufs digitale Papier), hast du die Möglichkeit, sie “von außen” anzuschauen. Das ist ein Game-Changer, wenn du deine Gedanken sortieren willst.

Wer aufschreibt, entdeckt mehr
Vielleicht ist dir das auch schon mal aufgefallen: Wenn man gerade dabei ist, umzuziehen, sieht man auf einmal überall Umzugswagen, die man vorher überhaupt nicht wahrgenommen hat.
Das kannst du dir auch beim Schreiben zunutze machen. Wenn dich ein Thema umtreibt oder wenn du etwas über dich herausfinden möchtest, dann mach das zu deinem Journaling-Thema. Du wirst feststellen, dass es dir viel häufiger auffällt oder begegnet.
Was bereitet mir wirklich Freude? Was empfinde ich gerade als belastend? Wenn du solche Fragen regelmäßig über einen längeren Zeitraum beantwortest (und dich das konkret jeden Tag fragst), kannst du es kaum verhindern, dass dir der eine oder andere Kronleuchter aufgeht.
Du wirst fähig, in Worte zu fassen, was dich beschäftigt
Der sprichwortliche Knoten im Magen, das Emotions-Knäuel, das man gar nicht einordnen kann, aber auch die beschwingten “Ich könnte heute die ganze Welt umarmen”-Momente: So oft zündet in unserem Inneren ein Emotions-Feuerwerk, das wir gar nicht richtig greifen können.
Wenn du anfängst, darüber zu schreiben, findest du auf einmal Worte dafür. Und du entdeckst, was hinter deinem Gefühle-Kino steckt. Auf einmal stellst du fest, dass dieser Knoten im Magen ein Memo an dich selbst ist, das dich auf etwas hinweisen möchte.
Und der allerbeste Nebeneffekt: Du hast auf einmal Worte, um dich mitzuteilen.
Jetzt praktisch
Wenn du Tagebuch oder Journal schreibst, dann behalte diese Frage im Hinterkopf: Habe ich heute etwas Interessantes über mich selbst gelernt?
Du kannst diese Frage als Schreib-Prompt nutzen und sie direkt beantworten, wenn dir etwas auffällt oder einfällt. Du kannst mit dieser Frage im Hinterkopf aber auch durch dein Journal blättern und dort auf Entdeckungsreise gehen. Wird dir beim Lesen im Nachhinein etwas klarer? Tauchen manche Themen immer wieder auf?
Du könntest interessante Fundstücke im Tagebuch markieren oder unterstreichen. Wenn du wie ich nicht gern in früheren Einträgen herumkritzelst, kannst du auch das probieren: … darüber schreiben. Fange eine neue Seite an mit dem Thema: Wenn ich meine älteren Einträge lese, fällt mir auf … (und dann schreibst du, was dir über dich aufgefallen ist).
Auf diese Weise lernst du dich immer besser kennen und gewinnst Erkenntnisse, auf die du sonst gar nicht aufmerksam geworden wärst. Und ganz nebenbei füllst damit Lücken in deinem „Handbuch über dich selbst“ …


